Mein altes Hamburg

Andreas Pfeiffer

22587 Dockenhuden/Elbe 

Matthias Claudius

*15. August 1740 Reinfeld  † 21.januar 1815 Hamburg

Goethe mochte ihn nicht. „Ein Narr, der voller Einfaltsprätensionen steckt“, bemerkte er 1787 unwirsch über Matthias Claudius, und Wilhelm von Humboldt ging 1796 noch einen Schritt
weiter: „Eine völlige Null.“ Andere Zeitgenossen aber - etwa Friedrich Gottlieb Klopstock, Johann Heinrich Voß, Johann Gottfried Herder, Johann Heinrich Merck, Friedrich von Matthisson oder Joseph von Eichendorff - wußten ihn durchaus zu schätzen, und 1917 sprach Karl Kraus „von einem der aller-
größten deutschen Dichter: Matthias Claudius“.
Der am 15. August 1740 im holsteinischen Reinfeld als Pfarrerssohn geborene Matthias Claudius hatte sich nach dem Studium
der Rechte in Jena und ersten bescheidenen poetischen Versuchen („Tändeleyen und Erzählungen“, 1763) um einen Organistenposten in Lübeck beworben, den er aber durch eigenes Verschulden nicht bekam. Nachdem er einige Zeit als Redakteur der Hamburger „Adreß-Comptoir-Nachrichten“ gearbeitet hatte,
übernahm er 1771 den von dem Hamburger Verleger Johann Joachim Christoph Bode herausgegebenen „Wandsbecker Bothen“, ein kleines, auf Löschpapier gedrucktes, viermal
wöchentlich erscheinendes Blatt, das der Redakteur Claudius in kurzer Zeit zu einer der angesehensten Zeitschriften Deutschlands machte. Seine Besonderheit lag nicht darin, daß in diesem Blättchen von nur 400 Stück Auflage so ziemlich alles schrieb, was damals im literarischen Deutschland Rang und Namen hatte, sondern in der Außergewöhnlichkeit des Stils, in dem Claudius das Blatt führte.
Claudius wollte sich den Menschen verständlich machen; nicht nur Literaten sollten die Zeitschrift lesen. Daher wählte er eine Sprache von absolut mündlicher Diktion, die sich am Plattdeutschen orientierte, das damals überwiegend in Norddeutschland gesprochen wurde. Und wenn er auch Korrespondenten fand, die ihm Nachrichten selbst aus Afrika lieferten, was damals ganz ungewöhnlich war: Ihm schien das Kleine und Unbedeutende eben-
so wichtig wie die großen Weltbegebenheiten, etwa die Meldung:
„Wandsbeck, den 25. April. Gestern hat hier die Nachtigall zum erstenmal wieder geschlagen.“ Und er erfand das Vetternpaar Asmus und Andres, die sich in Briefen über die Sorgen und Freuden ihres Alltags austauschen, etwa über die Erfindung neuer Festtage, die so hübsche Namen wie „Knospenfest“, „Grünzüngel“,
„Herbstling“ oder „Eiszäpfel“ tragen, und mit bescheidenem Aufwand wie etwa dem Braten von Äpfeln begangen wurden. Claudius hat für damalige Verhältnisse spät geheiratet. Er war 32,
seine Frau erst 18 Jahre alt. Beide hausten in größter Dürftigkeit, und der sich bald einstellende Kindersegen vergrößerte zwar die

äußere Armut, vergrößerte aber auch den inneren Reichtum. Zwölf Kindern hat Frau Rebecca das Leben geschenkt, drei von ihnen starben früh. Aber für diese Kinder und in ihnen hat Claudius gelebt, ja, er hat das Amt des Familienvaters fast wie einen Beruf angesehen und aus ihm seine Kraft bezogen. Als Schriftsteller war er dagegen fast von erstaunlicher Lässigkeit, bedenkt man die äußere Armut. Sein Gesamtwerk als Journalist und Schriftsteller füllt nicht einmal tausend Seiten als Ertrag eines 74 Jahre währenden Lebens. Selbst wenn man seine Tätigkeit als
Übersetzer aus dem Englischen und Französischen hinzurechnet, bleibt die literarische Hinterlassenschaft gering.
Als 1775 der „Wandsbecker Bothe“ eingestellt werden mußte, vermittelte ihm Herder den Posten eines Oberlandcommissarius und Redakteurs in Darmstadt, der ihm aber schon - zur Freude des Betroffenen - 1777 gekündigt wurde, worauf er glücklich wieder in sein geliebtes Wandsbek zurückkehren konnte, das er nur 1813 verließ, weil ihn die Kriegswirren dazu zwangen. Das im „Wandsbecker Bothen“ von ihm Geschriebene sammelte er und veröffentlichte es als ersten Band einer Werkausgabe. Und so hielt er es fortan. Alle paar Jahre erschien ein neues Büchlein, und aus dem Zeitschriftentitel wurde nun die Volkstümliche
Ehrenbezeichnung des Dichters: „Der Wandsbecker Bothe“. Im Herbst 1802, mit 62 Jahren, kündigte er den siebten Band als sei-
nen letzten an und betrachtete damit sein Lebenswerk als abgeschlossen. Sein Geld verdiente er im wesentlichen als Erzieher der
Söhne vermögender Leute (sie wurden ihm nach Wandsbek geschickt) und als Revisor der Altonaer Bank, wofür er (seit 1788) ein ausreichendes Salär erhielt, aber nur ein Minimum an Arbeit zu leisten hatte. Reiche Gönner schenkten ihm Geld für ein eige-
nes Haus.
Er ist nach der Flucht vor den Kriegswirren nur noch wenige Wochen in Wandsbek gewesen, dann übersiedelte er im Dezember 1814 nach Hamburg in das Haus seines Schwiegersohns, des renommierten Buchhändlers und Verlegers Friedrich Perthes, Ecke Jungfernstieg/ Große Bleichen. Hier ist Matthias Claudius am Nachmittag des 21. Januar 1815 gestorben, 74 Jahre alt. Um sein Bett standen seine Kinder und Enkel; der Tod trat sanft und schmerzlos ein. Die Leiche wurde nach Wandsbek überführt und auf dem Friedhof neben der Kirche beigesetzt. Seine Frau Rebecca folgte ihrem Mann 1832 im Alter von 78 Jahren. Die Bomben des Zweiten Weltkriegs haben beider Gräber unversehrt gelassen. Sie liegen in unmittelbarer Nachbarschaft des Mausoleums von Graf
und Gräfin Schimmelmann, die bis zu ihrem Tode Matthias Claudius und seine Familie unterstützt haben.

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