Mein altes Hamburg

Andreas Pfeiffer

22587 Dockenhuden/Elbe 

Dockenhuden

Verkoppelungskarte Dockenhuden

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Senators Godeffroy's Landhaus, 1857 

Das „stolz wie ein altes Schloß am Rhein“ die Schiffe auf der Elbe grüßende Landhaus
„Beausite“ (= Schöne Lage) des Hamburger Senators Gustav Godeffroy (1817-1893) in Dockenhuden ist kein Herrenhaus im eigentlichen Sinn und natürlich erst recht kein Schloß. Allerdings bestehen zwischen Anlage und Architektur norddeutscher adeliger Gutsherrenhäuser und hamburgischer und damit bürgerlicher Kaufmanns-Landhäuser vielfache Beziehungen. Schon im 17. Jahrhundert erwarben vor allem Kaufleute, vereinzelt auch Juristen, Ärzte und andere Akademiker Landbesitz in den Dörfern vor der Stadt, unter Bevorzugung der Marsch anfangs besonders in Billwerder, Hamm und Horn, wo 1679 der Anteil der Lust- und Landhäuser bereits 67% aller Gehöfte ausmachte. Diese frühen Landhäuser, die meist mit umfangreicher verpachteter Landwirtschaft verbunden waren, hatten, wenngleich nur zu sommerlicher Nutzung gedacht, damit ähnliche Funktionen wie die Herrenhäuserderadeligen Güter. Das gilt auch noch für die Landsitze im Norden Hamburgs. Auf den seit dem letzten viertel des 18. Jahrhunderts bevorzugten Elbhängen im Westen Altonas jedoch wurde die Landwirtschaft der aufgekauften Bauernhöfe aufgegeben. Man schuf große Parks mit Landhäusern ohne besondere Wirtschaftsgebäude, sieht man von Wagenremisen, Verwalter- und Gärtnerwohnungen und Gewächshäusern ab, für deren Anlage gern auf englische Vorbilder zurückgegriffen wurde. Der sandige, ehemals nahezu waldlose hohe Geestrücken wurde damals aufgeforstet, und der heutige großartige Baumbestand an der Elbchaussee zwischen Altona und Blankenese und darüber hinaus bis Rissen und lserbrook verdankt seine Existenz dieser Aufforstung zu Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts.
Die wichtigste Rolle spielte dabei die Familie Godeffroy, die nur mitgeringen Unterbrechungen fast das gesamte Gelände zwischen Nienstedten und Blankenese aufkaufte, und auch in Rissen und lserbrook noch Besitz hatte. Der als öffentliches Eigentum erhaltene Hirschpark in Dockenhuden war die umfangreichste ihrer Parkanlagen, deren Gestaltung mitsamt dem von Christian Frederik Hansen (1756-1845) entworfenen klassizistischen Herrenhaus im wesentlichen auf den Begründer der späteren Weltfirma J. C. Godeffroy & Sohn, Johann Cesar lV. Godeffroy (1742-1818), zurückgeht. Erhalten, wenngleich stark verkleinert, ist auch der jenseits des Mühlenwegs im Westen zur Zeit seiner Anlage unmittelbar an den Hirschpark angrenzende Park von Peter Godeffroy (1749-1822), dem Bruder Johann Cesars IV., mit dem ebenfalls von Hansen erbauten „Weißen Haus“.

„Beausite“ schließlich war der dritte, im Osten an den Hirschpark anschließende, bis an den Strand reichende Godeffroysche Besitz, der Gustav Godeffroy (1817-1893) gehörte, einem Enkel des Schöpfers und Bruder des
damaligen Besitzers des Hirschparks, Johann Cesar Vl. Godeffroy (1813-1885), dem Hauptinhaber und Leiter der Handelsfirma, den man wegen seiner erfolgreichen, mit Einfluß und auswärtigem Besitz gekoppelten Handelsbeziehungen später den „ungekrönten König der Südsee“ nannte.
Auf den geerbten Ländereien ließ Gustav Godeffroy 1855 etwa dort, wo heute die von der Elbchaussee zum Hang hin abgehende Straße Elbhöhe die höchste Stelle im Gelände erreicht, von dem Architekten Auguste de Meuron (1813-1898) als „Gentlemens' Seat für ewige Zeiten" das schloßähnlíche „Beausite“ in historisierendem neugotischen Stil erbauen, wie es zuvor am Elbhang oberhalb Oevelgönnes bereits 1842/43 der Kaufmann und Konsul Gustav
Schiller und oberhalb Neumühlens 1853 bis 1855 der Kaufmann und Etatsrat Bernhard Donner getan hatten. Den aus Frankreich stammenden de Meuron hatten die vielfältigen Bauaufgaben nach dem großen Hamburger Brand 1842 bis 1868 in die Hansestadt gezogen. Er war ein tüchtiger, sich an englische Vorbilder anlehnender Architekt, derseinen gotisierenden Bauten großzügige Eigenwilligkeit zu verleihen vermochte. Etliche vornehme Häuser in und um Hamburg gehen auf ihn zurück. Das mit gediegener Innenausstattung versehene, aber nur für
sommerliche Nutzung gedachte „Beausite“ machte seinem Namen, wie Heuers Ansicht von Südwesten zeigt, alle Ehre. Von der Höhe über der Elbe dort, wo früher eine Windmühle gestanden hatte, ging der Blick bis weit ins Hannöversche, die Schiffe grüßten das Anwesen wie eine Ritterburg, an höchster Stelle geziert und bezeichnet durch die Flagge Dänemarks, zu dem Holstein damals noch gehörte, und des Handelshauses J. C. Godeffroy & Sohn, dessen Teilhaber Gustav Godeffroy seit 1842 war. Die Firma besaß damals eine Flotte von 27 Schiffen, die in alle Teile der Welt gingen. Gustav Godeffroy selbst war lange Zeit in Chile tätig gewesen, das für Godeffroy eines der Haupthandelsländer war, hinzu kamen das europäische Mittelmeer, die Westküste Nordamerikas und seit 1857 die Südsee. Man kann sich gut vorstellen, mit welchem Stolz es die Mitglieder der Familie, die alle eng zusammenarbeiteten, erfüllte, wenn ihre Schiffe immer von neuem die Flagge der Firma am Elbufer zu grüßen hatten.
Zu Land führte der über das Grundstück verlaufende Kirchenweg von Blankenese zur Kirche in Nienstedten unmittelbar an der Nordseite von Beausite vorbei, so daß auch die Öffentlichkeit an der Pracht teilhaben konnte.
Nachdem Gustav Godeffroy in den siebziger Jahren sein Anwesen durch den Ankauf des östlich in der Nienstedtener Flur gelegenen Parischschen Besitzes noch vergrößert hatte, verkauften seine Erben das Gelände 1895. Nach einem weiteren Verkauf 1905 erfolgte bei abermaligem Besitzwechsel 1913 erstmals eine Teilung, da die Zeit für derart große Parks und Landhäuser zu Ende ging. 1935 wurde das Landhaus abgebrochen und das Gelände in beiden
Teilstücken parzelliert.


Der in Hamburg, Dresden und Wien ausgebildete Maler und Lithograph Wilhelm Heuer, der sich 1842 in Hamburg niedergelassen hatte, wurde im Lauf seines langen Lebens der wichtigste Darsteller der hamburgischen Topographie im 19. Jahrhundert. Die Ansicht von ,Beausite“ ist das Blatt 55 seines bedeutendsten Werks, der zwischen 1 853 und 1864 mit 100 Nummern im Verlag von Carl Gaßmann erschienenen Folge „Hamburg und seine Umgebungen“, der er bis 1872 noch vier weitere Bätter hinzufügte.

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