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Friedrich Struensee

*5.8.1737  Halle †28.04.1772 Kopenhagen

Johann Friedrich Struensee. Gemälde von Jens Juel. Bomann Museum, Celle

Johann Friedrich Struensee kam am 5. August 1737 als Sohn eines Pfarrers in der Universitätsstadt Halle zur Welt; sein Großvater
mütterlicherseits war seit 1736 der Leibarzt des dänischen Königs Christian VI. Mit fünfzehn jahren wurde Struensee als Student der Medizin an der Universität Halle immatrikuliert; er beendete sein Studium fünf Jahre später mit der Dissertation und erhielt am 20. Oktober 1757 die Ernennung zum Stadt-Physikus von Altona und Landphysikus der Herrschaft Pinneberg, ein Jahr später erfolgte noch die zusätzliche Berufung zum Landphysikus der Grafschaft Rantzau. Eine enge Beziehung entwickelte sich mit dem Haus Reimarus in Hamburg, sowohl mit dem Religionsphilosophen und Professor am Akademischen Gymnasium Hermann Samuel Reimarus als auch mit dessen Sohn, dem Arzt Johann Albrecht Heinrich Reimarus, durch den Struensee wiederum 1767 mit Lessing bekannt wurde. Während seiner Amtszeit in Altona war Struensee unermüdlich um die Durchsetzung medizinischer Reformen bemüht. Er führte in großem Umfang die damals noch neue Pockenimpfung ein, kümmerte sich intensiv um Geburtshilfe und Säuglingsfürsorge, initiierte die Gründung einer Hebammenschule in Altona und schuf im Altonaer Zuchthaus 1765 die erste Entbindungsanstalt Norddeutschlands.
Als Reisearzt begleitete er 1768 König Christian VII. von Dänemark nach England und Frankreich und wurde nach der Rückkehr zum
königlichen Leibarzt und Etatrat ernannt. Damit begann sein ungewöhnlicher Aufstieg in Kopenhagen. Seine Erfolge als Arzt und seine starke Persönlichkeit machten ihn bald für den jungen, labilen und schizophrenen König unentbehrlich. Schon 1770 führte Struensee als graue Eminenz die Regierungsgeschäfte am Hof, wurde Geheimer Kabinettsminister und zum Grafen emannt. Auf dem Portrait von Jens Juel erkennt man den Struensee 1771 verliehenen Caroline-Mathilde-Orden. Jedoch mit seinen kühnen Reformen, seiner Zeit weit voraus, brachte er sehr rasch Adel, Kirche und Militär gegen sich auf: Am 17. Januar 1772 wurde er bei einem Staatsstreich verhaftet, am 24. April durch einen Geheimprozeß unter Ausschluß jeglicher Öffentlichkeit zum Tode verurteilt und am 28. April enthauptet.
„Die Revolution in Kopenhagen ist besonders. Und so war es auch einzig und allein möglich, Struensee zu stürzen. Man sieht, man hat
seinen Fall dem König abgezwungen, aber was man ihm denn nun vor den Augen der Welt zur Last legen wird, das bin ich sehr begierig zu erfahren“, schrieb Lessing am 31. Januar 1772. Um einen Grund für das von Anfang an beschlossene Todesurteil zu finden, war keine Beschuldigung zu billig oder zu niederträchtig:
Ehebruch mit der Königin, allein auf Gerüchte gestützt; er habe dem König Opiate verabreicht, um den Monarchen lethargisch und willenlos zu machen, wie denn überhaupt die zunehmende
Geisteskrankheit des Königs Struensee zur Last gelegt wurde.

Wirklich stichhaltige Gründe existierten nicht, sie waren bei der juristischen Farce ohne wirkliche Beweismittel ohnehin auch ganz überflüssig gewesen.
Stefan Winkle, dem wir die große gültige Struensee-Biographie (1983) verdanken, hat über ihn so geurteilt:
„Mehr als 1800 Kabinettsorder hat er in seiner kaum anderthalbjährigen Regierungszeit mit leidenschaftlicher Hingabe erlassen. Nur seine ungewöhnliche Arbeitskraft und sein Blick für tüchtige Mitarbeiter... erklären es, daß er in einer so kurzen Frist so viele Reformen durchführen oder in Angriff nehmen konnte. Erwähnt seien nur die Verkündung der Pressefreiheit, Einschränkung der bäuerlichen Frondienste als erster Schritt zur endgültigen Aufhebung der Leibeigenschaft, Abschaffung der Folter, Milderung der Strafgesetze, Beschleunigung des Geschäftsganges im Verwaltungsapparat, die Verkündung der Gleichheit aller Staatsbürger vor dem Gesetz, Bekämpfung der Rangsucht, Regelung der

Stellenbesetzung nach bürgerlichen Gesichtspunkten und Ausschließung unwürdiger Personen von Ämtern, Erweiterung der religiösen Toleranz, Auflıebung der kirchenpolizeilichen Aufsicht über die Sitten, Gleichstellung der unehelichen Kinder mit den ehelichen vor dem Gesetz, Einschränkung vom Luxus am Hofe, Auflösung kostspieliger Garderegimenter mit nur repräsentativem Zweck, Verbot der Getreideausfuhr und des Schnapsbrennens aus Roggen, Anlage von Staatlichen Kornmagazinen zur Vermeidung von
Wucherpreisen in Notzeiten, Freigabe der Korneinfuhr für das südliche Norwegen, Reform des Schulwesens mit Abschaffung der Prügelstrafe, Reform der Universität mit der Absicht, statt Latein Dänisch als Unterrichtssprache in Kopenhagen einzuführen, Zulassung von Bürgerlichen an die Ritterakademie von Sorö, Erlaß der ersten dänischen Armengesetze, Reorganisation der Geburtshilfe und des Krankenhauswesens, Umwandlung unbenutzter Kapellen in Hospitäler für Lustsieche, Errichtung einer Pocken Impfanstalt zur Intensivierung der Inokulation und einer Quarantäneanstalt zur Vermeidung der Seucheneinschleppung aus fremden Häfen, Bekämpfung der Kurpfuscherei, Fertigstellung einer dänischen Phaımacopöe, Verbot des Sklavenhandels in den Kolonien (St. Thomas und St. Croix), Reinhaltung von Wasser und Luft, Reinhaltung und Beleuchtung der Straßen, Numerierung der Häuser  -- usw. usf. Mit seinen Reformen, die nach seinem Sturz zum großen Teil wieder abgeschafft wurden, hatte er auf unblutige Weise die Maßnahmen der französischen Revolution vorweggenommen.
Der dänische Staatsmann Graf von der Osten nannte ihn noch zu einer Zeit, da er mit ihm so gut wie zerfallen war, einen der besten Köpfe, die er je gekannt habe. In Wirklichkeit war er einer der genialsten Ärzte des achtzehnten Jahrhunderts, dessen Erkenntnisse und Verdienste der Vergessenheit und dessen Name der chronique scandaleuse zum Opfer gefallen sind.“

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