Mein altes Hamburg

Andreas Pfeiffer

22587 Dockenhuden/Elbe 

Hauptkirche St. Nikolai 1863 - 1943 

St.Nikolai nach dem Entwurf von Gilbert Scott

Wie wir im Abschnitt über die Mittelalterlichen St.Nikolaikirche erfuhren, brannte diese nieder. Wir erzählen nun die Geschichte vom Neubau durch Gilbert Scott.  

Im Kirchenführer zu St. Nikolai aus den Jahre 1926 wird die Kirche und Ihre Sehenswürdigkeiten genau beschrieben. An geeigneter Stelle werden wir immer wieder aus diesem Stück Geschichte zitieren, um eine Plastische Vorstellung von dieser wunderschönen Spätgotischen Kirche zu bekommen. 

 

Der Entwurf von Gilbert Scott war nach der öffentlichen Ausschreibung auf Platz 3 gesetzt. Gewonnen hatte ihn eigentlich Gottfried Semper aus Altona; der Entwurf sah einen romanischen Kuppelbau vor. . 

Das Scott den Zuschlag bekam und nicht Semper liegt daran, das es in Köln Bestrebungen gab den Kölner Dom, nach mehreren hundert Jahren Baustop, im neugotischen Stil fertig zustellen.  Scott war Verfechter des gotischen Baustils und in England ein bekannter Restaurator und die Hamburger wollten nun auch so ein Bauwerk. Hintergrund war die Hamburgische Erweckungsbewegung in dessen Vorstellung eine romantisch gothisch anmutende Kirche die neue Frömmigkeit zeigen sollte.

Trotz der dreimal höheren Kosten, als der Entwurf von Semper vorsah, sollte die Kirche von Scott gebaut werden. Das fehlende Geld sollte durch eine "Schilling - Sammlung", die damalige Form der Spendensammlung, hereinkommen.   

Im Kirchenführer lesen wir dazu: "Als Wahrzeichen des Dankes für die Überwindung des großen Brandes 1842 ist die jetzige St. Nikolaikirche unter opferfreudiger Hilfe weiter Kreise in Stadt und Land errichtet worden. Die alte Kirche war gleich zu Beginn der verheerenden Feuersbrunst am 5.Mai 1842 ein Raub der Flammen geworden der jetzige Spätgothische Bau wurde 1845 bis 1863 nach den Pläne von G.G.Scott erbaut, der Turm 1874 und die südlich angefügte Turmkapelle 1882 vollendet. Der Orgellettner und die Orgel sind 1891 hinzugekommen." 

 

Richtfest des Daches 18.10.1859

Für die Hamburger Backsteinkultur war der Bau eine Revolution: Gelber Klinker, Carrara Marmor und Sandstein wurden in dem Neugotischen Bauwerk verwandt.

 

Der Grundstein wurde am 24. September 1846 gelegt und die Baumaßnahmen dauerten 17  Jahre.

Nichtsdestotrotz war es ein wunderschönes Bauwerk mit schon fast gigantischen Ausmaßen:   

 

Die Länge der Kirche betrug einschließlich der Strebepfeiler 84m, die Breite 31,5m, im Querschiff 44,5m, die Scheitelhöhe der Gewölbe in der Vierung 28 m.

Der Dachturm war  71 m und die Kreuzblume des Haupturmes genau doppelt so hoch, nämlich 142m.Die Spitze des Kreuzes erreicht eine Höhe von 147,3 m über der Straße.

Bebaut waren an Grundfläche durch Kirche und Turm 2380qm.

Die Kirche  vom Kellerfußboden bis zum Hauptgesims, der Turm bis zur Helmspitze und die Turmkapelle umfassen nahezu 80 000 cbm umbauten Raum.

Die Richtfeier des Daches war am 18.10.1859, Einweihung der Kirche am 24.09.1863.

Die Turmweihe wurde am 26.08.1874 begangen und die Orgel am 29.11.1891 eingeweiht. 

Bautätigkeit am Turm mit innenliegenden Kran

Noch während des Baus zeichnete sich ein Problem mit der Statik des Turmes ab. Der quadratische Turm setzte sich ungleichmäßig, so das zusätzliche Stützmaßnahmen erforderlich wurden. So wurde, durch eine Turmkapelle nach englischen Muster kaschiert, ein dreittreppiger Stützpfeiler Elbseitig eingefügt. Dem Kirchturmhelm, der in 147 Meter Ihren Abschluß fand, sieht man die Anleihen vom Kölner Dom durchaus an.

Im Turm verbarg sich das Geläut, das aus 28 Glocken bestand. Die größte Glocke, die knapp 6,4t wog, wurde von Kaiser Wilhelm I gespendet, weswegen sie den Namen "Kaiserglocke" hatte. Angeschlagen wurde das Geläut zum ersten Mal am 23.Sep. 1888. Das Geläut wurde allerdings während des ersten Weltkrieges von der Mobilmachungsbehörde beschlagnahmt und eingeschmolzen bis auf die kleinste Glocke. Gekrönt wurde der Turmhelm mit von einem Bekrönungskreuz, das der Sohn vom Architekten Gilbert Scott, George Scott , hergestellt hatte. 

 

 

Blick auf die Apsis

Auf der ganzen Breite des Mittelschiffs befand sich der Altarraum., von dem durch Mauern getrennt zwei Seitenkapellen abgingen. Die Außenwände wurden gestützt durch mächtige Pfeiler. 

Die nördliche Kapelle war Zweigeschossig. dort befand sich im unteren Teil die Sakristei während es im Obergeschoß einen Kirchensaal gab. 

Im großen und ganzen war die Kirche nicht ganz Ideal, was die Predigtauglichkeit für einen evangelischen Kirchenbau anging. Das als Basilika angelegte Langschiff, hatte ein erhöhtes und zwei niedrige Seitenschiffe, die durch Pfeiler getrennt wurden. Die Kanzel, der Altar und das Altarkreuz waren aus schneeweißem Carraramarmor. . 

 

Der Kirchenführer von 1926 beschreibt den Altarraum wie folgt: 

"Der Altar ist aus weißen Marmor mit Tragsäulchen und Mosaikschmuck aus Farbigen Marmor. Für die Einlagen sind Halbedelsteine, Malachit, Lapis Lazuli u.a. verwendet. Im Mittelfeld befindet sich ein Relief der Himmelfahrt Christi. Darüber erhebt sich aus weißem Marmor das 7,5m hohe Kreuz mit dem Gekreuzigten. Die Seitenfelder enthalten das Monogram Christi. Die Altargeräte stammen von 1664 und 1715 und zeigen außerordentlich reiche Silbertreibarbeit. Sie sind Geschenke von Anna von Spreckelsen und Jobst Overbeck (†1726). Die mit Bildern reich geschmückte Ernestinische Altalbibel wurde im Dezember 1842 vom Kaufmann Daniel Mutzenbecher geschenkt. Sie ist in 1708 in Nürnberg gedruckt. 

Altar

 

Rings um den Altar bilden an den Pfeilern des Chorraumes die Standbilder der zwölf Jünger den Hintergrund für den Gekreuzigten. Den Platz des nicht dargestellten Judas nimmt als letzte die Statue des Apostels Paulus ein. Acht Bilder wurden von dem Kaufmann Johannes Amsinck († 1879) geschenkt, die übrigen von J.C.H. Riebe, Oberaltem Paul (†1891), von der Familie des Pastor Freundentheil (†1853) und einer ungenannten Spenderin.

Der Fußboden des Altarraums ist mit dreifabrigen Marmormosaik belegt. Bei Festlichkeiten wird ein reich gestickter Teppich vor dem Altar ausgebreitet, der von einer Anzahl Damen der Gemeinde gearbeitet und der Kirche geschenkt wurde."

 

Kanzel zu St.Nikolai

Zur Kanzel schreibt ein Verfasser aus dem Jahre 1896 verzückt zu einem Bild: Dem Aeusseren des stolzen Baus entsprechend, ist auch das Innere der Nicolaikirche vornehm ausgestattet. Ein besonders schönes Stück unter den Einzelheiten der inneren Ausstattung der Kirche bietet die Kanzel, die hier in einer photographischen Aufnahme dargestellt ist. Die Säulen und Träger der Kanzel in ihrer Anordnung und auch an und für sich betrachtet, mit ihren Capitälen und Bögen, die eigentliche Kanzel selbst, in ihrer figurenreichen Einfassung und der Aufgang zu derselben zeugen von hoher künstlerischer Schönheit. Besonders tritt diese in den an dem Umgange der Kanzel angebrachten symbolischen Darstellung der Evangelisten hervor. Das Ganze ist aus Sandstein und Marmor gearbeitet. Im Hintergrund zeigt sich links die Sacristei, rechts der Altar.

Das der Verfasser so begeistert gewesen ist, kann man verstehen, wenn man wir wieder den Kirchenführer von 1926 lesen:

"Die Kanzel, am nördlichen Vierungspfeiler, ruht auf farbigen Marmorsäulen und ist im Übrigen aus weißem Marmor. Kapitäle und Flächen ziert in feiner Arbeit Rose, Efeu, Klee Wein Eiche u.a. Ringsum stehen kleine Statuen und zwar von der Treppe her:

                 

Moses        Petrus    Jesaia 

Jeremia    Paulus    Johannes der Täufer

 

und zu Seiten des Kanzelpfeilers Engel mit Schwert und mit Palmzweig. Das Geländer der Kanzeltreppel hat eine beachtenswerte Schmiedearbeit in Messing mit reicher Gravierung. Der Schalldeckel, ein Geschenk der Eheleute Johannes Paul, 1890 asgeführt, zeigt an der Unterseite einen achteckigen Stern aus poliertem Holzmit Intarsienschmuck sowie die beiden Wappen des Stifters und seiner Frau. In der Mitte schwebt als Symbol des heilige Geists die Taube, aus Silber getrieben. Der Turmaufbau aus Messing ist mit acht holzgeschnitzten Engelfigürchen geschmückt."

 

Gedächnishalle

Die Südkapelle lag lange Zeit brach, ehe man sich 1920 entschloß dort Gedenktafeln für die Gefallenen des ersten Weltkrieges zu installieren. Diese Kapelle wurde später Gedächnishalle genannt. 

 

Der Kirchenführer beschreibt diesen Ort wie folgt: 

"Die südliche Chorkapelle dient als Gedächnishalle für die im Weltkrieg Gefallenen, soweit sie oder Ihre Familien nach St.Nikolai sich hielten oder halten. Die Namen stehen auf Marmortafeln entlang den Wänden; genauere Angaben über die Toten finden sich in dem ehrenbuch ebendort.

Die Einmweihung der Hallw und der ersten Ehrentafeln geschah am 1.Juni 1920. Abgeschlossen sind die Tafeln noch nicht"

(Stand 1926)  

Die Orgel wurde 1891 den Orgelbaumeister Ernst Röver geschaffen. Die Orgel thronte auf der Orgelempore, die wie die sakrale Innenausstatung im Altarraum, aus Carrara Marmor bestand. Die Orgel war mit einer Röhrenpneumatik ausgestattet. Bei dem Prinzip der Röhrenpneumatik betätigen die Tasten kleine Steuerventile, die die Luft durch dünne Bleiröhrchen lassen oder entlassen. Die Luft ihrerseits steuert Bälgchen und Ventile, die für Töne in den einzelnen Pfeifen erklingen lassen. Der Nachteil war das es eine, zeitweise deutliche, Verzögerung zwischen Tastenanschlag und Ansprache der Orgelpfeifen gab.

Wenn der Organist also gut orgeln konnte, gab es eine wohlklingende Begleitung zum Gesang der Kirchengemeinde.

Blick in Richtung Turm, noch ohne Orgel

Der Kirchen Führer verrät uns Einzelheiten zur Orgel und Lettner ( so eine Art Balkon in der Kirche) :

Die Orgel hat auf Pedal und 3 Manualen 104 Register mit 5808 Pfeifen. Die Traktur ist pneumatisch, und die Luftzufuhr erfolgt durch einen hydraulisch betriebenen Motor. Der Prospekt aus Teakholz ist 9m breit und 18m hoch. 1891 wurde sie in Benutzung genommen.

Für diese große Orgel wurde am Westende des Mittelschiffs der ganz aus Sandstein gebaute Lettner errichtet. Dessen Brüstung schmückt in der Mitte eine Darstellung der heiligen Cäcilie, und links und rechts stehen zur weiteren Versinnbildlichung der Musica Sacra Bilder von Jubal (1.Mose 4, 21) und Mirja (2 Mose 15, 20, 21). 

 

 

 

Blick Richtung Turm mit Orgel und Beleuchtung

Zugänglich ist der Lettner vom südlichen Seitenschiff aus durch eine überaus zierliche Wendeltreppe; er bietet Raum für einen Chor bis zu 100 Sängern. 

Um in etwa die Größe der Kirchenhalle zu erahnen, sollte man sich das erhaltene und nach Kriegsende in der Krypta gefundene Kirchenfenster, das für die linke Seite des Querschiffes vorgesehen war, ansehen. Es wurde in den Nachfolgebau der 1943 getroffenen Kirche, eingebaut. Diese Kirche befindet sich in Harvestehude, nahe des U-Bahnhofes Klosterstern.

Dieses Kirchenfenster zeigt auch sehr schön wie farbenprächtig diese im gesamten Kirchenschiff waren. In Zusammenspiel mit dem einfallenden Sonnenlicht und dem weißen Carrarmarmor, dürfte das im Innern der Kirche eine interessante geheimnisvolle Atmosphäre geschaffen haben.     

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