Mein altes Hamburg

Andreas Pfeiffer

22587 Dockenhuden/Elbe 

Postfiliale Niedernstraße

Bauwelt 1/1927 

Das sogenannte Sanierungsviertel der Altstadt Hamburgs ist heute noch fast unausgebaut, ein übler Zustand, den die Wirtschaftslage der Nachkriegszeit zu verewigen drohte, der aber nun glücklicherweise sich seinem Ende nähert.

Högers berühmtes Chilehaus war dort der erste und größte Bürohausbau. Sein gewaltiger von Straßen umgebener Block wird stets eine beherrschende Stellung in seiner Umgebung haben und zwingt die Hamburgische Städtebaubehörde, ihn bei aller vorausschauenden Planung zu berücksichtigen und ihn als den Kern der sich in diesem Viertel bildenden Verkehrsstadt zu betrachten. Es erscheint ausgeschlossen, daß andere Bauten als Geschäftsbauten, andere als vielgeschossige Klinkerbauten ringsherum zugelassen werden können. Zwangsläufig wird auch die Sockelhöhe und die gesamte Bebauungshöhe den gestaffelten Geschossen statt des Daches in der Gegend des Burchardplatzes ähnlich wie beim Chilehaus gestaltet werden müssen.

Da von hier aus alle Straßen nach Nordosten zu stark ansteigen, so werden sich noch sehr interessante architektonische Lösungen ergeben. Aber noch ist vieles nicht ausgebaut, und sogar die Straßenzüge, wie sie heute angelegt sind, werden sich so ändern, wie der beifolgende Lageplan ergibt. Wer heute nach Hamburg kommt, findet den hier eingezeichneten Burchardplatz überhaupt noch nicht vor.

Eingebautes behördliches Verwaltungsgebäude: Posgebäude in Hamburg, schräg gegenüber dem Chilehaus

 

Die ersten beiden Bauten, die jetzt bereits die künftige StädtebauIiche Atmosphäre verwirklichen, stehen nordwestlich vom Chilehaus. Es sind hier der Montanhof der Architekten Distel und Grubitz und das neue Postgebäude an der Niedernstraße. Das neue Postgebäude, 1924 bis 1926 erbaut, lehnt sich in einigen ÄußerIichkeiten an das Chilehaus an: der mehrachsige Sockel, die emporstrebenden PfeiIer, die Staffelgeschosse ansteIIe des Daches, wie sie von der Baupflegebehörde zur Bedingung gemacht waren.

Während aber daß ChiIebaus als ein allseitig geschIossener Baublock seine AchsengIiederung um das ganze Gebäude herum gleichmässig weiterspinnen konnte, war der Architekt hier gezwungen, um sein Werk von den Nachbarbauten abzuheben, an den beiden Enden eine abweichende Lösung zu wählen, die, wie die Ansicht zeigt, aus der Anordnung zweier breiter Eingangstüren zwanglos sich ergibt. Vermieden wurde ferner die starke Piattenausladung des Chilehauses, und damit hat der hier zu besprechende Bau einen starken Schritt über das Chilehaus hinaus in der Richtung der uns heute geläufigen blockmäßigen Bauweise gemacht.

Als Baustoff wurden dieselben schönen Bockhorner Klinker, dritte Wahl (Chausseblau II), aus denen auch das Chilehaus besteht, gewählt.

 

Grundriß des 7. Obergeschosses mit einer Dreizimmer- und einer Fünfzimmerwohnung, Lagerraum und Aktenzimmer
Grundriß des Obergeschosses mit dem Wählerraum des Selbstanschlußamtes. Die Teilung in enge Achsen ist durch die Breite der Wählergestelle bedingt.
Grundriß des Erdgeschosses mit dem später einzurichtenden Postamt. M1:300

 

Der Architekt des Baues ist Postbaurat Thieme, Baureferent der Oberpostdirektion. Die städtebauliche Lösung, d.h. in diesem Falle die Regelung der Beziehungen zu den nächstbenachbarten Bauten und auch die architektonische Gestaltung sind für die weitere EntwickIung dieses Stadtviertels von maßgebender Bedeutung.

Die Oberpostdirektion mußte an dieser Stelle bauen, denn die entschiedene Absicht des Hamburger Staates, den kostbaren Grund und Boden, der ihm hier rundherum gehört, zu einem wichtigen Geschäftshausviertel auszubauen, machte für die heute schon bestehenden und noch zu errichtenden Bauten ein Fernsprechselbstanschlußamt für 20000 Teilnehmer nötig, dem eine Reihe von Neben- und Büroräumen, einige Dienstwohnungen für technisches Personal und den Hauswart, sowie im Erdgeschoß ein später zu eröffnendes Postamt angegliedert werden müssen. Bis das letztere in Benutzung genommen werden wird, wird die Halle vorläufig anderweitig verwertet. Und hier zeigt sich wieder, wie nützlich und angemessen die veränderliche Einräumigkeit der Stockwerke ist. Wenn in den oberen Geschossen eine Achsenweite von nur zwei Metern gewählt wurde, so ergibt sich dies aus; der Aufteilung der gut zu belichtenden Wählergestelle, die genau einen Meter Abstand voneinander haben.

Was die Konstruktion des ganzen Baues betrifft, so findet man Eisenbetonpfeiler in den Außenwänden mit aufgelagerten Deckenunterzügen aus statischen und wirtschaftlichen Gründen nur im SockeIgeschoß. In allen oberen Stockwerken sind die Backsteinpfeiler tragend, deren Profile bis in die letzten scheinbar nur schmückenden Vorsprünge statisch voll ausgenutzt sind.

 

Querschnitt des Gebäudes. M1:300. Die Zwischenwände werden nach Bedarf eingezogen

Die Decken liegen einerseits auf einem Längsunterzuge über Eisenbetonsäulen, andrerseits auf den Mauerpfeilern der Außenfronten auf. Das Mauerwerk zwischen den Pfeilern bildet lediglich die Füllung um die Fenster herum. Die Decken haben glatte Untersichten was für die Führung der Telephonleitungen vorteilhaft ist. Auch hätten Unterzüge nur die notwendige lichte Höhe verringert. Die Geschoßhöhen ergaben sich aus der Höhe der Gestelle, und es war ein glückliches Zusammentreffen, daß sie mit denen des vorhandenen Nachbargebäudes nahezu übereinstimmten. Über die Verwendung der Stockwerke und alle übrigen EinzeIheiten geben die Abbildungen Aufschluß. Wie am Anfang hervorgehoben wurde, wirkt das Chilehaus auf die Freiheit der Architekten aller umliegenden Bauten stark einschränkend. Die oberste Baubehörde hätte hier eine vorzügliche Gelegenheit gehabt, mit Hilfe eines Wettbewerbes, vielleicht gerade eines engeren zwischen den ersten Baukünstlern Hamburgs, feststellen zu lassen, bis zu welchem grade sich starke Lösungen gegen den Zwang des Vorhandenen beherrschenden Baues und ohne diesen und die städtebauliche Gesamtwirkung zu schädigen durchzusetzen vermögen. Leider pflegt ja aber das Reichspostministerium und das Verkehrsministerium in Verkennung der in der Privatarchitektenschaft vorhandenen starken Kräfte und auch in NIchtbeachtung der Notlage der Privatarchitekten alle Arbeit im eignen Hause machen zu lassen. Es muss indessen hervorgehoben werden, daß gerade in diesem Falle der Beamtete Architekt sich als feiner Künstler erwiesen hat. Die Oberpostdirektion hatte die Pflicht, den größtmöglichen praktischen und künstlerischen Erfolg mit den geringsten Mitteln zu erreichen, und es ist augenfällig, daß das geglückt ist. Ohne die Verwendung der Hochwertigen Klinker und der aus ihnen sich ergebenden strenggebundenen baukünstlerischen Formen wäre die Lösung dieses Problems nicht möglich gewesen. Man bemerkt beim ersten Blick die Schönheit des Baustoffes und seine fachgemäße Verwendung, weitere Vertiefung in die Linienführung der Fassade zeigt das seine Schattenspiel der mittleren Bauglieder im Gegensatz zu der gutgegliederten Einfachheit des Sockels und der Flächen der Seitenrisalite.

Ansicht des Postgebäudes in der Niedernstraße von Osten. Schauseiten in Bockhorner Klinkern

Was an Keramik außen und in der kleinen Vorhalle des Postamtes Verwendung gefunden hat, ist auf ein Mindestmaß beschränkt. Die Plastiken der keramischen Portale hat der bereits von anderen Bauten Hamburgs der bekannte Bildhauer Kunstmann gestaltet. Die Einfügung in die Architektur ist

ihm hier weitaus besser als beim Ballinhaus geglückt. Die Kieler Kunstkeramischen Werkstätten

haben sich durch die Ausführung verdient gemacht. Die örtliche Bauleitung lag in den Händen des

Postbaurates Gafior. So ist hier durch das zusammenarbeiten aller beteiligten Stellen ein Werk entstanden, das Hamburgs Bestand an wertvollen Backsteinbauten wesentlich bereichert.

 

Dr. Berger -  Hamburg.

 

Reichsadler über beiden Türen von Bildhauer Kunstmann, Hamburg. Im Hintergrund rechts das Chilehaus
Eingangstür mit keramischen Platten gefaßt, mit Reichsadler geschmückt.
Vorhalle des Postamtes. Wände mit keramischen Platten verkleidet
Windfang Pendeltür zur Schalterhalle. Leibung und Maßwert-Oberlicht in Keramik ausgeführt
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